Bedarfswirtschaft statt Selbstversorgungswirtschaft!

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Ich beschäftige mich nun schon einige Jahre mit der sogenannten Selbstversorgerwirtschaft und bemerke immer mehr, dass die Idee, die hinter diesem Begriff steht, doch etwas irreführend und nicht unbedingt erstrebenswert ist. Der richtigere Begriff ist derjenige der Bedarfswirtschaft (Subsistenzwirtschaft). "Der wirtschaftstheoretische Begriff der Bedarfswirtschaft bezeichnet ein ökonomisches Prinzip, das primär auf Selbstversorgung ohne Überschussproduktion basiert. Im Gegensatz zur ausschließlichen Selbstversorgung sind jedoch der Güteraustausch auf lokalen Märkten, Arbeitsteilung, sowie Koordination der Produktionsweisen Bestandteil der Subsistenzwirtschaft."*

Bei der Bedarfswirtschaft steht allerdings die Nutzwirkung der Produkte im Vordergrund und weniger der Tauschwert auf dem Markt.

"So ist das Ziel der Beteiligten auch nicht Gewinnmaximierung oder Profit, sondern der Erhalt des Einkommens und Auskommens.* Gruppen, die heute noch weitgehend von traditionellen subsistenzorientierten Wirtschaftsformen leben (in Entwicklungsländern), werden als sogenannte "Lokale Gemeinschaften" bezeichnet. Es versteht sich auch, dass die Bedarfswirtschaft eine Grundversorgungswirtschaft darstellt, was wir immer wieder in den Vordergrund rücken müssen, wenn wir dieses System mit den modernen vergleichen.

Heute ist die Zahl funktionierender Subsistenzbetriebe nur noch in den Entwicklungsländern bedeutend. Dabei war die Bedarfswirtschaft bis zur Industrialisierung und der sogenannten Marktwirtschaft die weltweit dominierende Wirtschaftsstrategie. Letzte Versuche, diese alte nachhaltige Wirtschaftsordnung im Industriezeitalter zu erhalten, waren das Konzept der Gartenstädte und die sogenannte Freiland-Bewegung.

Garten-Städte, Freiland und Freiwirtschaft

Konrad Wachsmamm Holzhauskolonie in NieskyKolonie mit preiswerten Holzhäusern in Niesky (Sachsen).Die Gartenstadt-Bewegung, welche um 1900 entstand, konzentrierte sich mehr auf das von Spekulationen freigehaltene Wohnen der Menschen. Dabei waren den gut durchplanten Siedlungen Selbstversorgungsgärten zugeordnet.

Die Freiland-Bewegung (nach Theodor Hertzka, 1845 – 1924, österreichischer Nationalökonom, Journalist und Publizist) ging einen Schritt weiter und entwickelte weitergehende Ideen auch zur Organisation des Gemeinwesens inklusive eines Geldsystemes (mit Gold als Wertmaßstab). Wiederum nah an den oben genannten Konzepten steht die sogenannte Freiwirtschaft mit "Freiland" und "Freigeld". Dies ist ein Wirtschaftsmodell, welches durch Silvio Gesell (1862 – 1930) publik wurde und im Rahmen der Freiland-Bewegung entstand.

Will man heute in der modernen Gesellschaft die Grundideen dieser sehr nachhaltigen Wirtschaftsmodelle umsetzten, so funktioniert das vermutlich auch nur in lokalen Gemeinschaften mit einfach funktionierenden Tauschbörsen, die durchaus auch online organisiert werden können.

Kürbisse und ÄpfelTatsächlich schafft man es heute nur in den seltensten Fällen, völlig autark alle Produkte des täglichen Bedarfes selber herzustellen, und ich finde es müßig in dieser Richtung weiterzudenken. Andererseits wird jeder Selbstversorgungs-Gärtner (mit mehr oder weniger grünem Daumen) schnell bemerken, dass auch ein kleiner Garten größere Überschüsse abwerfen kann, seien es nun Früchte, Sämereien, Blumen, Honig usw. Diese Überproduktion sinnvoll zu lenken, wäre vielleicht einige Überlegungen wert. So könnte dies auch mit Leistungen aus anderen Bereichen erfolgen, und vielleicht ist es oftmals nur der Zwang zur vermeintlichen Gewinnmaximierung, der alternative Geld- und Wirtschaftsmodelle scheitern lässt.


* (wikipedia 2014),
bzw. Primärquelle: Veronika Bennholdt-Thomsen: Subsistenzwirtschaft, Globalwirtschaft, Regionalwirtschaft. In: Maren A. Jochimsen und Ulrike Knobloch (Hrsg.): Lebensweltökonomie in Zeiten wirtschaftlicher Globalisierung. Kleine Verlag, Bielefeld 2006. S. 65 – 88