Kein Rasen in kleinen Gärten? Garten ohne Rasen anlegen.

Ein kleiner Rasen

Ein Rasen von zwei mal drei Metern ist schnell angelegt. Ein Stück Boden wird eingeebnet, Rasensaat ausgebracht oder Rollrasen verlegt, und schon sieht der kleine Garten ein wenig mehr nach Garten aus.

Aber was kann man mit einer solchen Fläche eigentlich anfangen?

Man kann darauf stehen. Man kann sie mähen. Man kann vielleicht einmal eine Wäschespinne darauf aufstellen. Zum Liegen ist sie zu klein, zum Ballspielen ebenfalls. Mehrere Menschen können sich dort kaum aufhalten, ohne dass es eng wird. Nach einem Regentag wird aus der ohnehin begrenzten Nutzbarkeit unter Umständen eine matschige Fläche.

Kleiner Reihenhausgarten mit Rasen und kleiner Terrasse
(2) Der vorgegebene Reihenhausgarten

Das ist eine merkwürdige Eigenschaft mancher kleinen Gärten: Die Fläche sieht nach einer bestimmten Nutzung aus, ermöglicht diese Nutzung aber kaum noch.

Ein Rasen ist eben nicht allein eine bestimmte Pflanzenhöhe. Er ist auch eine Fläche, die etwas ermöglichen soll.

Was soll der Garten ermöglichen?

Diese Frage scheint banal, verändert aber den Blick auf einen Garten.

Eine Terrasse soll Aufenthalt ermöglichen. Man möchte dort sitzen, essen, vielleicht arbeiten oder mit mehreren Menschen zusammen sein. Ein Spielbereich soll Bewegung ermöglichen. Ein Gemüsebeet ermöglicht den Anbau von Lebensmitteln. Ein Weg ermöglicht, bestimmte Bereiche trockenen Fußes und ohne Umwege zu erreichen.

Auch eine Rasenfläche hat solche Funktionen. Sie kann Liegefläche sein, Spielraum, Aufenthaltsfläche oder einfach eine zusammenhängende offene Fläche, auf der man sich bewegen kann.

Dafür braucht sie allerdings eine gewisse Größe.

Wird sie zu klein, bleibt zwar die Bezeichnung erhalten, nicht aber unbedingt die Funktion. Aus der Nutzfläche wird eine grüne Restfläche.

Das ist für mich der entscheidende Punkt bei der Betrachtung kleiner Hausgärten. Ich würde nicht zuerst fragen, ob ein Rasen schön ist oder ob man ihn pflegen möchte. Ich würde fragen:

Was soll diese Fläche ermöglichen?

Von dieser Frage aus betrachtet verändert sich manches.

Ein kleiner Rasen kann nicht nur Möglichkeiten bieten. Er kann auch andere Möglichkeiten verhindern. Wo eine zusammenhängende Rasenfläche liegt, kann dort kein großzügiger Sitzplatz entstehen. Man kann keinen Spielbereich mit festem Belag anlegen. Eine kleine Fläche, die eigentlich zum Spielen gedacht war, wird bei feuchtem Wetter möglicherweise gerade unbrauchbar. Und wenn die Wäschespinne darauf steht, ist auch die ohnehin geringe zusammenhängende Fläche teilweise belegt.

Der Rasen ist dann nicht einfach nutzlos. Er beansprucht vielmehr eine knappe Ressource: zusammenhängende Fläche.

Gerade im kleinen Garten ist diese Ressource kostbar.

Warum steht die Wäschespinne eigentlich im Rasen?

Bei der Wäschespinne fällt eine weitere Eigenheit auf.

Sie steht in vielen Gärten selbstverständlich auf der Rasenfläche. Praktisch betrachtet wäre es häufig sinnvoller, sie auf oder unmittelbar an der Terrasse zu platzieren. Dort kommt man trockenen Fußes heran und muss nicht über eine feuchte Grasfläche laufen.

Warum steht sie trotzdem im Rasen?

Offenbar steckt in unserer Vorstellung vom Garten noch eine ältere Verbindung: Wäsche gehört zum Trocknen ins Freie und dort auf die Wiese.

Das hatte einmal einen guten praktischen Grund. Gemähte Wiesen dienten früher unter anderem dazu, Wäsche der Sonne auszusetzen und zu bleichen. Die Wäschespinne gehört heute jedoch in eine andere technische und gesellschaftliche Welt. Die Waschmaschine steht nicht mehr am Fluss, und das Bleichen auf der Wiese ist keine notwendige Haushaltsarbeit mehr.

Die räumliche Gewohnheit ist trotzdem geblieben.

Gerade solche kleinen Beobachtungen sind interessant. Sie zeigen, dass sich nicht nur Gebäude und Gärten über Generationen erhalten. Auch die Zuordnung von Tätigkeiten zu bestimmten Flächen kann weitergegeben werden, obwohl der ursprüngliche Zusammenhang längst verschwunden ist.

Vielleicht ist die Wäschespinne deshalb ein ganz gutes Beispiel für eine allgemeine Regel: Eine Gewohnheit kann länger überleben als ihre Begründung.

Der große Garten wurde einfach kleiner gemacht

Damit kommt die eigentliche Geschichte des kleinen Rasens ins Spiel.

Die ersten modernen Hausgärten mit Rasen und Terrasse entstanden in der Schweiz und etwas später in Deutschland ab den 1930er Jahren im sogenannten Wohngartenstil. Das Grundschema war einfach: Terrasse oder Veranda, davor eine zusammenhängende Grasfläche, eingefasst von Wegen und Randpflanzungen.

Schweizer Wohngartenstil
(3) Wohngarten früherer Zeiten...

Das war kein zufälliges Muster. Die damaligen Grundstücke waren erheblich größer als viele heutige Reihenhausgärten. In den 1930er Jahren dienten Hausgärten zudem noch stärker der Selbstversorgung mit Obst und Gemüse. Später, besonders ab den 1970er Jahren, wurden Nutzflächen zunehmend von Rasen verdrängt. Die große zusammenhängende Rasenfläche wurde zum Bestandteil eines Gartens, der vor allem dem Wohnen und der Freizeit diente.

Dieses Bild hat sich festgesetzt.

Das Problem beginnt dort, wo die Grundstücke kleiner werden, die Vorstellung vom Garten aber unverändert bleibt.

Heute kann ein Reihenhausgarten kaum mehr als 200 Quadratmeter umfassen. Terrasse, Rasen, Wege und Pflanzstreifen werden dann nicht neu gedacht, sondern einfach verkleinert. Aus der großen Terrasse wird eine kleine Terrasse. Aus der großen Rasenfläche wird ein kleines Rechteck. Aus dem Randstreifen wird ein schmaler Pflanzstreifen.

Das sieht auf dem Plan zunächst logisch aus.

In der Benutzung ist es das nicht unbedingt.

Denn Menschen werden nicht proportional kleiner, nur weil der Garten kleiner wird. Auch ein Kind braucht zum Spielen Bewegungsraum. Ein Tisch braucht Platz, damit man um ihn herumgehen kann. Eine Wäschespinne benötigt ihren Schwenkbereich. Und eine Rasenfläche braucht eine gewisse Ausdehnung, damit sie als Rasenfläche überhaupt etwas von dem leisten kann, was man mit ihr verbindet.

Man kann Flächen verkleinern. Die Funktionen, die sie ermöglichen sollen, lassen sich nicht beliebig mitverkleinern.

Hier liegt für mich der eigentliche Denkfehler.

Der Garten ist kein verkleinerter Großgarten

Damit lässt sich auch der häufige Eindruck erklären, dass kleine Gärten etwas Unentschiedenes bekommen können. Sie enthalten alle Elemente, die zu einem „richtigen“ Garten gehören sollen, nur eben in verkleinerter Form.

Terrasse, Rasen, Beet und Weg sind vorhanden.

Aber wozu?

Ein Garten sollte nicht danach organisiert werden, welche Elemente noch irgendwie hineinpassen. Sinnvoller ist die umgekehrte Reihenfolge: Welche Tätigkeiten und Aufenthalte sollen dort möglich sein?

Das ist ein kleiner Unterschied in der Fragestellung, aber ein großer Unterschied in der Gestaltung.

Wer mit einer vorhandenen Fläche von vielleicht 200 Quadratmetern beginnt und zunächst Rasen, Terrasse und Wege verteilt, behandelt die Fläche wie ein Behältnis.

Wer dagegen fragt, was dort geschehen soll, kann die Fläche als Möglichkeitsraum betrachten.

Dann kann es vernünftig sein, auf den Rasen ganz zu verzichten.

Nicht weil Rasen grundsätzlich schlecht wäre. Sondern weil eine andere Nutzung auf derselben Fläche mehr ermöglichen kann.

Eine Terrasse, die wirklich Platz hat

Ich halte es deshalb in kleinen Gärten oft für sinnvoller, aus der Terrasse einen großzügigen Aufenthaltsbereich zu machen. Einen Terrassengarten.

Eine ausreichend große Terrasse kann vieles aufnehmen, was auf einem kleinen Rasen kaum möglich ist: Sitzen, Essen, Spielen, Arbeiten, Grillen oder einfach Aufenthalt.

Wenn Kinder im Haus sind, kann daraus auch eine Spielterrasse werden. Eine Sandspielfläche lässt sich integrieren. Später, wenn die Kinder größer sind, kann dieser Bereich anders genutzt werden.

Das ist ein wichtiger Vorteil gut bemessener Flächen: Sie müssen nicht für immer dieselbe Funktion behalten.

Ein Garten begleitet schließlich ein Leben, nicht nur einen Gestaltungsplan.

Die Frage nach der richtigen Fläche ist deshalb auch eine Frage nach der zeitlichen Veränderbarkeit. Eine großzügige Fläche kann ihren Zweck wechseln. Eine zu kleine Fläche kann das kaum.

Der Wohnhof statt der Rasenfläche

Eine andere Möglichkeit ist der Wohnhof.

Im südalpinen und mediterranen Raum gehört die große, frischgrüne Rasenfläche ohnehin nicht zur traditionellen Gartenidee. Dort spielen Hof, Sitzplatz, Mauern, Pergolen und andere bauliche Elemente eine größere Rolle.

Das lässt sich auch auf kleine Reihenhausgärten übertragen.

Hofgarten

Eine Hofterrasse kann mit Garten- und Gewächshaus, Natursteinmauern, Sichtschutz, Rankgittern oder einer Pergola verbunden werden. Sie wird also durch Architekturen gerahmt. Die Fläche wird dadurch nicht größer. Aber sie erhält eine andere Ordnung, eine Art Zimmer im Freien. Die rahmenden, schützenden "Wände" gestalten dann den Raum

Aus einer kleinen Restfläche entsteht ein zusammenhängender Aufenthaltsbereich. Auch hier ist die entscheidende Frage nicht: Was ersetzt den Rasen? Die bessere Frage lautet: Welche Nutzung soll an seine Stelle treten?

Der Cottage Garden macht etwas anderes mit der Fläche

Auch der traditionelle englische Cottage Garden zeigt eine andere Möglichkeit.

Cottage-Garten
(5) Das Konzept im Cottagegarten heißt: Üppigkeit

Die kleinen Hausgärten waren nicht als verkleinerte Parklandschaften gedacht. Vor dem Haus und im hinteren Garten gab es kleine Hofräume und Sitzplätze. Die übrige Fläche diente überwiegend dem Anbau von Gemüse, Kräutern und Blumen.

Rasen war dafür nicht erforderlich.

Später nahm der Anteil der Blumen zu. Stauden und sich selbst aussäende Sommerblumen bestimmten zunehmend das Bild. Die etwas ungezwungene Wirkung solcher Gärten entstand nicht aus einer künstlich erzeugten Wildheit, sondern aus einer Nutzung, bei der Pflanzen und Gartenarbeit einen größeren Anteil der Fläche einnahmen.

Auch hier wird die knappe Fläche anders verteilt.

Sie soll nicht in erster Linie eine offene grüne Mitte erzeugen. Sie soll Üppigkeit  hervorbringen.

Mehrere Plätze statt einer großen Mitte

Ein weiterer Gedanke kommt aus fernöstlichen Gartenformen.

Besonders interessant ist dabei nicht die Frage, ob ein deutscher Reihenhausgarten nun chinesisch oder japanisch aussehen sollte. Das wäre eine Stilfrage und würde am eigentlichen Problem vorbeiführen.

Interessanter ist das räumliche Prinzip: Es gibt verschiedene Plätze zum Sitzen und Beobachten, die miteinander verbunden werden. Dazwischen liegen gestaltete Bereiche und Wege.

Übertragen auf einen kleinen Hausgarten könnte das bedeuten, nicht eine zentrale Rasenfläche freizuhalten, sondern mehrere kleinere Aufenthaltsorte zu schaffen.

Ein Platz für den Morgenkaffee. Ein anderer für das Abendessen. Vielleicht eine geschützte Bank, eine kleine Arbeitsecke oder ein Bereich zum Beobachten der Pflanzen.

Die Fläche wird dadurch nicht größer.

Aber sie kann mehr ermöglichen.

Das ist vielleicht die eigentliche Alternative zur Rasenfläche: nicht eine andere Bepflanzung an derselben Stelle, sondern eine andere Vorstellung davon, wie der Garten benutzt werden kann.

Und wenn man trotzdem Rasen möchte?

Die Gegenprobe ist wichtig.

Es gibt durchaus kleine Gärten, in denen eine Rasenfläche sinnvoll funktioniert. Ein Beispiel ist ein schmaler Reihenhausgarten mit einem etwa 5 × 3 Meter großen Rasen. Zusammen mit einem breiten Plattenweg und einem Holzdeck kann diese Fläche zu jeder Jahreszeit betreten und genutzt werden.

Hier erfüllt der Rasen eine andere Funktion als das kleine Stück Gras von zwei mal drei Metern.

Er bildet eine tatsächlich nutzbare zusammenhängende Fläche. Der angrenzende Weg erweitert seine praktische Verwendbarkeit. Das Holzdeck schafft einen weiteren Aufenthaltsbereich. Die einzelnen Elemente stehen also nicht nur nebeneinander. Sie arbeiten zusammen.

Damit wird auch die ursprüngliche Behauptung genauer.

Es geht nicht um ein Verbot von Rasen in kleinen Gärten. Es geht um die Frage, ob die vorhandene Rasenfläche im Zusammenhang des Gartens eine sinnvolle Funktion erfüllt.

Ein kleiner Rasen kann funktionieren.

Ein großer Rasen kann übrigens ebenso gut schlecht funktionieren.

Die Quadratmeterzahl allein entscheidet nicht. Entscheidend ist das Verhältnis von Fläche, Nutzung und Anordnung.

Kleine Gärten brauchen eine andere Ordnung

Damit verändert sich auch mein Blick auf den Ausgangspunkt.

Die Frage lautet nicht mehr: Wie bekomme ich Terrasse, Rasen und Beete in einen kleinen Garten?

Sie lautet:

Was soll dieser Garten seinem Besitzer ermöglichen?

Vielleicht braucht er überhaupt keinen Rasen. Vielleicht braucht er einen größeren Sitzplatz, einen Spielbereich, Gemüsebeete, einen geschützten Hof oder mehrere kleine Orte, die unterschiedliche Nutzungen erlauben.

Das Entscheidende ist nicht, möglichst viele Elemente unterzubringen.

Es ist, den wenigen vorhandenen Quadratmetern eine Funktion zu geben, die ihrer Größe entspricht.

Ein Garten wird dadurch nicht zwangsläufig einfacher. Im Gegenteil. Die Begrenzung zwingt zu einer genaueren Entscheidung.

Der große Garten kann sich manches leisten, was der kleine Garten nicht kann: eine Fläche nur für das offene Grün, einen Weg nur zur Gliederung, einen abgelegenen Sitzplatz, der kaum benutzt wird.

 

Terrassengarten
(6) Terrassengarten, das modifizierte Bild (2)

Der kleine Garten muss mit seinen Flächen haushalten.

Das kann ein Nachteil sein. Es kann aber auch dazu führen, dass man genauer darüber nachdenkt, was ein Garten eigentlich leisten soll.

Vielleicht liegt darin die eigentliche Lehre des kleinen Gartens: Nicht alles, was sich im großen Maßstab bewährt hat, wird besser, wenn man es einfach verkleinert.

Manchmal muss man die Form ändern, damit die Funktion erhalten bleibt.

Und manchmal entdeckt man dabei, dass die Fläche nicht dafür da ist, etwas Bestimmtes darzustellen.

Sie ist dafür da, etwas zu ermöglichen.

Hinter dem kleinen Rasen von zwei mal drei Metern steckt dann eine ziemlich allgemeine Beobachtung: Wir übernehmen im Alltag häufig Formen, ohne ihre ursprüngliche Funktion noch einmal zu prüfen. Erst wenn die Verhältnisse sich ändern, wird sichtbar, dass Form und Funktion nie dasselbe waren.


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